WARUM DAS KLASSISCHE???
ÜBERLEGUNGEN EHEMALIGER SCHÜLER-INNEN
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich bin Absolvent ihrer Schule (1990) und möchte ihnen meine Unterstützung für Ihre Initiative zur Beibehaltung des humanistischen Gymnasiums/Lyzeums in Bozen aussprechen. Ich empfinde die klassische Ausbildung und die darin vermittelten Werte bis heute als Bereicherung und Vorteil in beruflichen und privaten Lebensbereichen.
Dem mehrmals herangezogenen Argument, dass das Erlernen „toter Sprachen“ überholt sei, dass Altgriechisch in der heutigen Zeit nichts nütze, kann ich nur entgegnen, dass ich am Beispiel meines Sohnes immer wieder mit Freude feststelle, wie viel diese scheinbar „unnütze Paukerei“ zu Weltoffenheit, Flexibilität und Neugierde für all die Flut an Neuem, an Informationen, die täglich auf unsere Jugendlichen zukommen, beiträgt. Die Fähigkeit, historische Ereignisse und Aktuelles kritisch zu betrachten und zu erfassen, die Herkunft neuer und komplizierter Wörter und Inhalte zu ergründen, das Bewusstsein um die Entwicklung der Menschheit, die Toleranz, die Kenntnis der Wurzeln der Demokratie und die Wertschätzung derselben und noch vieles, vieles mehr.
Sehr geehrte Damen und Herren,
seit Mai wohne ich zusammen mit meiner Familie in Südtirol(Deutschnofen/Nova Ponente). Ich bin Australierin (Lehrerin für Englisch als Zweitsprache), mein Mann arbeitet an der Uni Bozen.
Vorher wohnten wir in Neuseeland. Wir waren aber sehr enttäuscht vom dortigen Schulsystem (Mangel an "akademischer Disziplin" u. Ä.)
Als die Stelle an der Uni in Bozen frei war, habe ich sofort angefangen, Infos über das Schulsystem in Südtirol zu bekommen. Wie schön es war zu lesen, dass es das Klassische Gymnasium in Bozen gibt! (Ich weiß noch, ich hatte meinem Mann sofort davon erzählt).
Deshalb schreibe ich Ihnen, in der Hoffnung Sie können meine Email als Unterstützung verwenden.
Long Live The Classics!
Abgesehen davon, dass im späteren Leben eine humanistische Ausbildung für die Bewältigung der auf einen zukommenden Probleme von nicht bezahlbarer Hilfe ist, und somit zumindest in den Grundzügen in JEDER Oberschule Platz finden müsste, ist es absurd, wenn gerade in einer humanistisch geprägten Schule eine gründliche humanistische Ausbildung, wozu die Altsprachen-Kompetenz zählt, wegfallen würde. Ich meine damit, dass das humanistische Gedankengut der antiken Philosophie einen nicht wegzudenkenden Stellenwert besitzt, in einer Zeit, wo humanistische und religiöse Werte stark abnehmen und einem kurzsichtigen, säkularen Geist fachlicher Ausbildung Platz machen müssen. Mit Kurzsichtigkeit meine ich, dass die fachliche Ausbildung und Spezialisierung zwar materielle Vorteile zu geben vermag, obwohl sie, so gut sie auch sein mögen, immer nur Stückwerk sind, d.h. man ist zur Weiterbildung sowieso, auch nach Diplomabschluss gefordert, um im harten Konkurrenzkampf der steten Neuerkenntnisse zu bestehen. Damit ist gesagt, dass hier eine solide Ausbildung reicht. Eine humanistisch geprägte Ausbildung ist ein erworbener Schatz, der eine Säule des Lebens darstellt und im nachschulischen Leben unbezahlbare Früchte trägt. Letzten Endes sollte die Schule auch eine Schule fürs Leben sein und nicht nur eine Schule für Spezialisten, die Lebenskrisen schwer oder nicht zu bewältigen wissen...
(noch in der Phase des Kampfs um die Beibehaltung der klassischen Fachrichtung)
In einer Zeit, wo im deutschen Sprachraum der Wert einer fundierten klassischen Bildung wieder entdeckt wird und die Fächer Latein und Griechisch landauf, landab starke Zuwächse verzeichnen, kann ein solcher Schritt nur als Schildbürgerstreich bezeichnet werden. Die Südtiroler Schule genießt bis dato auch und gerade aufgrund ihrer guten Ausbildung in den klassischen Sprachen international einen ausgezeichneten Ruf. Aktionen wie die jetzt geplante könnten diesen erheblich in Mitleidenschaft ziehen.
Ich möchte Sie deshalb nachdrücklich in Ihren Bemühungen bestärken, diesen unsinnigen Schritt zu verhindern. In dieser Haltung weiß ich mich auch mit der ganzen Abteilung Gräzistik/Latinistik der Universität Innsbruck einig.
Ich war über fünf Jahre Schüler im Humanistischen Gymnasium "Walther von der Vogelweide" in der altsprachlichen Fachrichtung.
Besonders für Schüler, die noch keine genaue Vorstellung von ihrer beruflichen Laufbahn haben, bietet sich das klassische Lyzeum als allgemein bildende Oberschule an, ich war bei der Oberschulwahl noch sehr unsicher über den Beruf, den ich im späteren Leben ergreifen wollte. Dass das klassische Lyzeum alle Möglichkeiten offen hält, ist leicht daran zu erkennen, dass meine Klassenkameraden/innen in den verschiedensten Richtungen weitermachen, nun, da wir die Matura im Juni 2010 abgeschlossen haben: Jus, Medizin, Latein, Musik, Physik usw. Auch die Maturaergebnisse sprechen für sich: 3 Abschlüsse mit Bestnote bei 7 Kandidaten.
Als ehemaliger Schüler des Humanistischen Gymnasium-Lyzeums "Walther von der Vogelweide" unterstütze ich gerne Ihre Bemühungen, die altsprachliche Fachrichtung an Ihrer Schule beizubehalten. Ich bin überzeugt, dass ein humanistisches Bildungsangebot, das ich selber genossen habe und von dem ich tagtäglich profitiere, nicht einfach wegrationalisiert werden darf!
In der Zuversicht, dass Ihre Initiative zur Rettung des humanistischen Gedankens in unserem Land und an Ihrer Schule Frucht bringt, verbleibt mit freundlichem Gruß
Sehr geehrte Frau Direktor, liebe Schule,
ich habe selbst ein humanistisches Gymnasium besucht und erachte es als sehr wertvoll, dass dieses bestehen bleibt und unterstütze Ihr Anliegen voll und ganz.
Bis auf die Tatsache, dass ich durch das altsprachliche Gymnasium eine unendlich wertvolle Allgemeinbildung genießen konnte, hat es mir auch in vielen anderen Bereichen geholfen: zum Beispiel mit den Fremdsprachen. Dank des altsprachlichen Lyzeums habe ich ein ausgeprägtes Sprachempfinden mitbekommen und weitere Fremdsprachen wie Ladinisch, Französisch und vor allem Englisch gelernt. In Studium und Beruf werden wir ständig in Sparten gedrängt, zu "Schubladendenken" geführt und "kategorisiert". Gerade deshalb ist es wichtig, in der Schule die Möglichkeit zu bekommen, eine allgemeine Bildung zu bekommen, gerade im humanistischen oder weitesten Sinne kreativen Bereich.
Überlegungen der Direktorin
Wozu das Klassische in heutiger Zeit?
- weil ich über die genaue und vertiefte Beschäftigung mit diesen Sprachen ganz viel über Sprache an sich erfahre und ein sehr, sehr großes Sprachbewusstsein (auch für Muttersprache und Fremdsprachen) entwickeln kann; ich nehme mir Zeit, Sprache an sich zu betrachten und gewinne ein Höchstmaß an Sprachwissen, das mir für die weitere Beschäftigung mit Sprachen von immensem Nutzen ist
- weil ich über Sprache und Sprachgeschichte(n) ungeheuer viel und Interessantes über unsere eigene Kultur erfahre (eine der für mich und meine Schüler/innen schönsten Lateinstunden war eine ungeplante Diskussion über die Begriffe „pomus“ und „pomum“. „pomum“ – die runde Frucht – lebt in Begriffen wie „Erdäpfel“, „pomodoro“ oder „pomme de terre“ weiter; warum wurden diese Bezeichnungen verwendet, wann hat man sie so benannt, seit wann waren diese Früchte in Europa bekannt …? – Solche Diskussionen und Entdeckungen schärfen das eigene Weltbewusstsein und trainieren v. a. das wichtige kulturelle Vernetzungswissen)
- weil das Klassische nicht nur auf Griechisch als besonderes Fach beschränkt bleibt – die intensive Beschäftigung mit Texten aus älterer und näherer Vergangenheit und die intensive fächerübergreifende Zusammenarbeit (mit Geschichte, Philosophie, Kunstgeschichte, Rechts- und Wirtschaftskunde, Naturwissenschaften) ermöglichen mir einen vertieften Einblick in europäische Kultur und lassen mich Zusammenhänge tatsächlich „verstehen“; d.h. nicht, dass das Klassische nur in der Vergangenheit schwelgt, aber es betrachtet Gegenwart, indem es sich für die Vergangenheit (im umfassenden Sinn) Zeit nimmt.